die Aussteller
Martin Meyer
079 247 75 39

Erich Münch

Erich Münch

Wie sich komplexe Strukturen aus höchst einfachen Prozessen entwickeln, das ist die Lektion, die wir aus dem Studium der Struktur lebendiger Organismen und tierischer wie menschlicher Gesellschaften lernen können.

György Ligeti


Fast 10 Jahre lang hatte ich mich am Ende des letzten Jahrhunderts mit Thomas Manns Roman "Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn", bezw. den darin beschriebenen, quasi virtuellen Kompostionen beschäftigt. Dann die erwartete Leere und die Frage: wie weiter?

Seit langem faszinierte mich eine (damals?) in "massgebenden" kunsthistorischen Fachkreisen geächtete Form: das Ornament. Durch puren Zufall entdeckte ich beim absichtslosen Zeichnen eines Tages, welche Möglichkeiten sich da auftaten. Ich begann spielerisch, selbst ornamentale Formen zu entwickeln.

Nun ist aber das Ornament, wie es sich bald zeigte, ein zweischneidiges Schwert. Einerseits suggeriert es pure Vollkommenheit und Klarheit. Andererseits verlockt es zu symbolischer Ueberhöhung. Nach und nach wurden konstruierte Ornamente abgelöst von freien Zeichnungen, gespiegelt, zerschnitten, neu zusammen gesetzt. Ziel war die allmähliche Selbstauflösung des Ornaments. Die erste Ausstellung in der Galerie “Die Aussteller” (2003) zeigte den Beginn meiner Beschäftigung mit dem Ornament.

In der nächsten Phase (Ausstellung 2006) entstanden aus einer Grundgestalt wuchernde Gebilde, die etwa mit biomorphen Formen oder genetischen Prozessen (auch Fehlleistungen!) assoziiert werden können. Eine Rolle spielte dabei der Basler Genetiker Professor Walter Gehring, dem in den den 80er Jahren als erstem gezielte Genveränderungen bei Fliegen gelangen. Die Metamorphose wurde quasi zur zweiten Versuchsperson.

In den seither entstandenen, im Jahr 2009 bei den "Ausstellern" gezeigten Bildern glaube ich, meinem ursprünglichen Ziel nahe bekommen zu sein. Die einst kompakte Bildwelt löst sich auf, ohne ihre Herkunft vom Ornamentalen durchs Band weg zu verleugnen. Die hybrid gewordenen Gestalten bewegen sich frei im Raum, Bedrohung nimmt überhand, und das scheinbar Gefestigte des klassischen Ornaments entpuppt sich als Schutz vor seinem eigenen Chaos.

An der jetzigen Ausstellung in der Maiengasse, die von Martin Meyer kuratiert wird, zeige ich Arbeiten aus den letzten 10 Jahren. Ich habe inzwischen einen noch besseren Zugang zur Farbe gefunden und gleichzeitig ein scheinbar so simples Material wie den Bleistift und den Farbstift für mich wieder entdeckt. Zudem geht es mir darum, das immer noch etwas zu spürbare Konzept der ornamentalen Phase noch weiter aufzuweichen. Die menschliche Gestalt hat sich, wenn auch in mancherlei fragwürdiger Gestalt, doch mit dem unüberhörbaren Aufruf "Halloo, wir sind auch noch da!" wieder zum Wort gemeldet.

Erich Münch






2003, Tusche auf Papier
38 x 38 cm

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Bibliophil
2008, Acryl auf Karton
ca. 45 x 35 cm

 



Bibliophil
2008, Acryl auf Karton
ca. 45 x 35 cm


Spiegelung
2004, Farbstift auf Papier
22 x 22 cm


Fata Morgana (Ausschnitt)
2012, rund, Ø 48 cm