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Erich Münch

 


 

Tanzsuite, ma petite comédie humaine, Luftgespinste,
la trilogie des dragons – und andere Rätsel

Wie sich komplexe Strukturen aus höchst einfachen Prozessen entwickeln, das ist die Lektion, die wir aus dem Studium der Struktur lebendiger Organismen und tierischer wie menschlicher Gesellschaften lernen können.

György Ligety

Seit gut 10 Jahren beschäftige ich mich mit einer verachteten Kunstform, dem „Ornament“. Es steht (stand?) unter dem Generalverdacht überlebter Dekoration. Mich reizte es, diese Haltung in einem länger dauernden Prozess zu hinterfragen.

Bewusst ging ich zunächst von einem klassisch/symmetrischen Repertoire aus, mit dem Ziel seiner allmählichen Auflösung. Bald war ich aber unwiderstehlich fasziniert vom Formenreichtum, der mit einfachsten Mitteln zu erzielen war. Diese ersten Schritte bildeten den grössten Teil meiner Ausstellung Spiegelungen („die Aussteller“, Basel 2003).

In einer zweiten Phase entstanden aus einer Grundgestalt vermehrt wuchernde Gebilde, die etwa mit biomorphen Formen oder genetischen Prozessen (auch Fehlleistungen!) assoziiert werden konnten, beides aber mehrheitlich noch gefangen in der symmetrischen Logik des Kaleidoskops („die Aussteller“, Basel, 2006, Ausstellungstitel: Metamorphosen der Fliege Drosophila).

In den seither entstandenen Bildern glaube ich, meinem ursprünglichen Ziel nahe gekommen zu sein. Meine früher kompakte Bildwelt löst sich auf, ohne ihre Herkunft vom Ornamentalen ganz zu verleugnen, und die hybrid gewordenen Gestalten bewegen sich im freien Raum. Bedrohung nimmt überhand, und das scheinbar Gefestigte des klassischen Ornaments entpuppt sich als Schutz vor seinem eigenen Chaos.

Kontrastierend zu diesem sehr zeitaufwändigen Teil der Ausstellung zeige ich eine Auswahl eines kleinformatigen work-in-progress „ma petite comédie humaine“, eine Anspielung auf das monumentale Romanwerk Balzacs. Anklänge an stilistische „Vorfahren“ sind weder bewusst gesucht noch bewusst vermieden.

Dinge fallen herunter und zerbrechen. Die Unordnung nimmt zu. Zeit existiert nicht. Bewegung gibt es nicht. Nur Dinge in verschiedenen Konfigurationen, Tausende, Abermillionen von Dimensionen. Wir sind es, die ihnen eine Ordnung geben. Wir spüren einen Fluss, aber in Wirklichkeit gibt es nur den Ozean.

Richard Powers „Der Klang der Zeit“

22.01.2009

Auszüge aus einem Briefwechsel zur Ausstellung
“Metamorphosen der Fliege Drosophila und anderer gezeichneter Gestalten”
in der Galerie “Die Aussteller” , Basel
28.4. – 20.5.2006

Du willst Deine Ausstellung in unserer Galerie "Metamorphosen der Fliege Drosophila und anderer gezeichneter Gestalten" nennen. Wie kommt die Drosophila, das "Haustier der Genetiker", zu dieser Ehre?


Also, ob das eine Ehre ist für das Haustier der Genetiker, ich weiss nicht so recht. Wir haben ja die Erfahrung gemacht, dass auch der Blickwinkel der Genetiker – wie der von uns weniger bedeutenden Menschen – ein begrenzter ist.

Immerhin: Professor Walter Gehrig, am Basler Biozentrum tätig und durch seine Versuche mit der Fruchtfliege Drosophila berühmt, hatte nach unserer letzten Ausstellung (Spiegelungen, 2003; es gab damals Besucher, die Parellelen sehen wollten in der Arbeit Gehrig's und in den Bildern: Gensequenzen resp. Bildformen zerstückeln und neu zusammensetzen) eine Foto dieser Fliege geschickt, schön frontal, symmetrisch, die roten Facettenaugen auf die Vorderbeine gepflanzt (durch das “twin of eyeless”-Gen induziert, wie das offenbar fachmännisch heisst).

Dazu sein Kommentar “ich hoffe, dass das Bild als Inspiration wirkt”. Das tat es aber vorerst überhaupt nicht. Es wurde bei mir irgendwo vergraben. Erst nach längerer Zeit begann es mich zu reizen, die für meinen Blickwinkel recht fantasiearme Darstellung umzuzeichnen und aus ein paar zerstückelten Fragmenten eine neue Gestalt zu entwickeln: Grundlage einer Serie aus 40 darauf bezogenen Farbstiftzeichnungen. Et voila – die werden jetzt ausgestellt.

Du verwendest “zerstückelte Fragmente” und “Deinen Blickwinkel” für die Entwicklung der neuen Serie. Die Ausstellung von 2003 hiess “Spiegelungen” und mir scheint, Du bist vom damaligen Prinzip nicht weggegangen und verwendest immer noch Spiegelungen, Achsen, Symmetrien für die Entwicklung Deiner neuen Gestalten – Elemente aus der Geometrie. Da gibt es doch einen Plan? Kannst Du uns Dein “Schema” aufzeichnen?


Spiegelungen sinds immer noch, aber sie sind komplexer geworden. Ich gehe wie früher von einer freien Zeichnung (ich nenne sie gern Grundgestalt) im Quadratformat aus – in dem Fall der Drosophila eben von einer freien Umsetzung der zerstückelten Fotografie - die ich zuerst seitenverkehrt kopiere, dann in verschiedenen Arbeitsvorgängen neu zusammensetze. Natürlich gibt es, wenn man eine Form an ihr seitenverkehrtes Abbild andockt, eine Achse. Mit Geometrie hat das wenig zu tun, meiner Meinung nach. Von Plan kann schon gar keine Rede sein. Was mich interessiert und immer wieder fasziniert hat, sind die aus einer derart simplen Machart entstehenden komplexen und unerwarteten Bilder. Der Witz ist ja gerade, dass die Folgen kaum planbar sind.
“Spiegelungen” hiess die letzte Ausstellung; das wurde mir auf die Dauer zu formal und hat vielleicht manche Leute ein wenig abgeschreckt. Die Titel der neuen Sachen sind mehr auf einer – assoziativen – inhaltlichen Ebene. Fast jede der ausgestellten Arbeitsgruppen hat ihre eigene formale Struktur (für mich), die ich hinterher zum Teil gar nicht mehr nachvollziehen kann – und will. Baupläne dazu sind nicht erhältlich.


PS: “Wie sich komplexe Strukturen aus höchst einfachen Prozessen entwickeln, das ist die Lektion, die wir aus dem Studium lebendiger Organismen und tierischer wie menschlicher Gesellschaften lernen können”. Dieser Satz von György Ligeti, den du an meiner Atelierwand entdeckt hattest, hängt nicht ganz zufällig dort……


Der Text von Ligeti in Deinem Atelier ist mir natürlich auch aufgefallen. sag doch bitte noch etwas mehr dazu.


“Sag es mit Goethe”. Du hattest mir ja sein Gedicht “Die Metamorphose der Pflanze” geschickt. Vermutlich würden unsere Genetiker, falls sie das läsen, zusammenzucken, aber was soll´s. Ich habe bis jetzt bewusst nichts über Metamorphosen gelesen, um mich nicht durch irgend welche Vorbilder zu blockieren. Mir gefällt der Begriff, da er für mich etwas Offenes hat, vielleicht sogar etwas von einem “Geheimnis”.

Es gibt übrigens auch komponierte Metamorphosen (z.B. von Benjamin Britten, Richard Strauss, Paul Hindemith), die wissenschaftlich vermutlich ebenfallls nicht ganz stubenrein sind. Dies als Vorwort.

Nun zu Goethen:
……..
Alle Gestalten sind ähnlich, und keine gleichet der andern;
und so deutet der Chor auf ein geheimes Gesetz,
auf ein heiliges Rätsel. O könnt ich dir, liebliche Freundin,
überliefern sogleich glücklich das lösende Wort!
……..
Einfach schlief in dem Samen die Kraft, ein beginnendes Vorbild
lag, verschlossen in sich, unter die Hülle gebeugt,
Blatt und Wurzel und Keim, nur halb geformet und farblos;
trocken erhält so der Kern ruhiges Leben bewahrt,
quillet strebend empor, sich milder Feuchte vertrauend,
und erhebt sich sogleich aus der umgebenden Nacht.
Aber einfach bleibt die Gestalt der ersten Erscheinung;
und so bezeichnet sich auch unter den Pflanzen das Kind.
Gleich darauf ein folgender Trieb, sich erhebend, erneuet,
Knoten auf Knoten getürmt, immer das erste Gebild.
………

Klar klingt das für uns alles schräg und zopfig. Aber ich kann mir nicht helfen, als ich das las, hat es mich getroffen wie eyn Pfeyl. Was gibt es darüber hinaus in Sachen “Plan” noch zu sagen? (Ausser vielleicht, dass es bei meinen Gestalten natürlich nicht so “lyrisch” zugeht).


... es ist offenbar auch heute noch möglich, bei Goethe Zuflucht zu nehmen. Bei ihm geht's aber so weiter:

... Viel gerippt und gezackt, auf mastig strotzender Fläche,
scheinet die Fülle des Triebs frei und unendlich zu sein.
Doch hier hält die Natur, mit mächtigen Händen,
die Bildung an und lenket sie sanft in das Vollkommnere hin.

Das aber scheint mir nun nur Goethe und nicht Münch zu sein. Bei Deinen zuletzt entstandenen Bildern scheint es mir nicht lyrisch und auch nicht klassisch oder sanft zuzugehen. Ich sehe da fasziniert zu, wie die Formen sich aus dem "geheimen Gesetz" herauslösen und sich, ohne Aufheben zu machen aber mit einer gewissen Waghalsigkeit, verselbständigen. Fantasiere ich? Bin ich daneben?

Neinnein, du bist gar nicht daneben. Ich kann dazu gar nichts weiter sagen.

... dein “ich kann dazu gar nichts weiter sagen” ist mir doch etwas zu einfach. Goethe zieht seine strenge Form, rigoros durch 80 Verse hindurch, du aber - so kommt es mir wenigstens vor – drückst im Verlauf deiner Arbeit von innen gegen den Panzer der selbst auferlegten Regeln und das Ganze erhält Risse, durch die man hindurch sehen kann ...


Mit den Rissen hast du natürlich völlig recht. Schon als ich vor bald sechs Jahren auf die “Spiegelungen” gestossen bin, war mir klar, dass ich die allseitige symmetrische Harmonie einmal wieder stören musste. Ebenfalls war mir klar, dass das Zeit braucht. Eigentlich nur im Hinblick darauf habe ich die Arbeit daran nach unserer letzten Ausstellung fortgesetzt. Es gab viele Ansätze. Erreichen, war mir vorschwebte, konnte ich erst nach meinem Spitalaufenthalt im vergangen Sommer.

Eine andere Frage: Goethe wird häufig zitiert, aber Ligeti? Du erwähnst im Vorbeigehen komponierte Metamorphosen von Britten, Hindemith, Richard Strauss.
Einer deiner früheren Zyklen befasste sich mit dem Zwölftöner “A..L.”.. Sag doch bitte etwas über das Verhältnis Musik – Malerei.


Meine Meinung zur Beziehung zwischen Musik und Malerei? Es gibt ja unzählige Versuche, das eine Medium ins andere zu übertragen. Versuche, die eigentlich alle, in unterschiedlichem Ausmass, gescheitert sind wegen der Unvereinbarkeit der Statik des Bildes mit der Bewegung der Musik in Zeit und Raum. Du weisst, dass ich “es” schlussendlich auch nicht lassen konnte mit meinem “Zyklus A.L.”. Mein Trick bei dem Versuch war, von Musik auszugehen, die es nur als Literatur gibt (Dr. Faustus von Thomas Mann), also quasi schon in eine statische Form umgesetzt ist. Natürlich ist das auch misslungen (das schliesst aber nicht aus, dass mir vieles immer noch gefällt und ich sogar ein wenig stolz bin darauf).


Erich Münch (10.4.2006)

Studie zu La Trilogie des Dragons
2008, Acryl auf Karton, 20 x 12 cm



 
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